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Team Interviews | 05.05.2022

Ben Zwiehoff: „Mein persönlichen Limits zu finden und auszureizen motiviert mich stets aufs Neue!“

Von 1,5 Stunden Cross Country Rennen zur dritten Woche einer Grand Tour. Ben Zwiehoff hat breite gegen schmale Reifen getauscht und sich aufgemacht, um Straßenradprofi zu werden. Der frühere Mountainbiker aus dem Ruhrpott befindet sich in seiner zweiten Saison bei BORA - hansgrohe und steht mit dem in Kürze beginnenden Giro d’Italia am Start seiner zweiten Grand Tour. In unserer Interview-Serie haben wir mit dem bergfesten Flachländer gesprochen: Über seine Entwicklung in den letzten beiden Jahren, seine Freundschaft zu Lennard Kämna und über die Vorteile eines Mountainbikers auf der Straße. 

 

Wo bist du gerade und was steht als Nächstes für dich am Plan? 

Ich bin gerade Zuhause in Dortmund, hier war ich noch nicht besonders oft in diesem Jahr und deshalb genieße ich die Zeit sehr. Für mich steht im Moment die finale Vorbereitung auf meinen ersten Giro d’Italia auf dem Programm. 

 

Es ist dein zweites Jahr bei BORA - hansgrohe und dein zweites Jahr als Straßenprofi. Wie hast du die Zeit bisher erlebt? 

Eine unglaublich spannende und lehrreiche Zeit. Für mich persönlich auch eine Zeit, in der ich bereits erste Erfolge verzeichnen konnte. Vor zwei Wochen auf der ersten Etappe der Tour of the Alps war ich nah dran an einem Etappensieg. Ich bin mir sicher, dass mit etwas mehr Erfahrung und vielleicht auch einem Quäntchen mehr Glück in nicht allzu ferner Zukunft ein Ergebnis für mich möglich sein kann. Auf jeden Fall motivieren mich die kleinen Erfolge, sie machen Mut und zeigen, dass wir mit dem Projekt Straßenprofi auf einem guten Weg sind. 

 

Beschreibe deine persönliche Entwicklung seitdem du bei BORA - hansgrohe bist: 

In erster Linie bin ich natürlich vom Mountainbiker zum Straßenprofi geworden und in der Zeit beim Team auch als solcher gereift. Ich durfte viel von der Erfahrung meiner Teamkollegen sowie der Sportlichen Leiter profitieren und so in sehr kurzer Zeit sehr viel lernen. Es ist so viel passiert, ich habe so viel erlebt und gelernt in dieser Zeit - manchmal fühlt es sich so an, als wäre ich schon viel länger Straßenprofi. Die ultimative Coolness und Abgebrühtheit fehlt mir noch in manchen Situationen - die kommt vermutlich nur mit der eigenen Rennerfahrung. 

 

Die Transformation vom Mountainbiker zum Straßenprofi: Für dich abgeschlossen? 

Ja definitiv! Ich sehe mich mittlerweile als ganzheitlicher, wenn auch noch wenig erfahrener, Straßenprofi und nicht mehr als Mountainbiker, der sich auf der Straße versucht. Der Mountainbiker Ben Zwiehoff wird aber immer ein Teil von mir und meiner Identität bleiben.

 

Von welchen Fähigkeiten aus deiner Zeit als Mountainbiker profitierst du auf der Straße? 

Ganz klar von der Fahrtechnik. Die Limiten von Reifen und Rad generell einschätzen und ausreizen zu können oder bei schwierigen Verhältnissen bergab noch immer schnell unterwegs zu sein. Dort wo andere vielleicht schon Probleme bekommen fängt für mich der Spaß erst richtig an.

 

Was motiviert dich?

Meine persönlichen Limits zu finden und auszureizen motiviert mich stets aufs Neue! 

 

Was machst du, um dich zu erholen und den Kopf frei zu bekommen?

Die Zeit Zuhause mit meiner Frau, meiner Familie und meinem Hund ist für mich der elementare Baustein meiner mentalen und körperlichen Regeneration. Hier kann ich komplett abschalten, runter kommen und neue Kraft tanken. Die Radsportwelt ist schon eine verrückte Blase irgendwie und so denke ich sind es oft die normalen Dinge Zuhause, die einen wieder etwas erden. 

 

Radsport in drei Wörtern:

Schmerz - Spaß - Leidenschaft 

 

Dein Lieblingsmoment im Rennen?

Letzter Berg, nur noch eine kleine Gruppe ist übrig und man fühlt sich stark.

Oder: Du bist in einer Ausreißergruppe und realisiert, dass es reichen könnte, um durchzukommen. Das sind die Momente die mich motivieren und mir richtig Spaß machen. 

 

Wo liegen für dich die physischen Herausforderungen vom Mountainbiker zum Straßenprofi?

Die größte Umstellung für mich war die Länge der Rennen. Ich bin Cross Country Rennen gefahren, die waren maximal zwei Stunden lang. Heute fahre ich kaum ein Rennen unter vier Stunden und oft viele Tage hintereinander. Die Umstellung war aber überhaupt kein Problem, lange Rennen und Etappenrennen scheinen mir sehr zu zu liegen. 

 

Du bist im letzten Jahr zusammen mit Lennard Kämna bei der Cape Epic in Südafrika am Start gewesen. Das Rennen wird im Zweierteam gefahren - hat euch die Epic über das normale Teamkollegen-Dasein hinaus zusammen geschweißt? 

Definitiv! Lennard war bereits vor der Cape Epic ein ganz wichtiger Teamkollege und Freund in der Mannschaft. Er hat mir viel gezeigt, mir mit seiner Erfahrung viel geholfen und mir überhaupt die Möglichkeit gegeben, mehrere Jahre Wissensrückstand in Sachen Straßenradsport in kurzer Zeit aufzuholen. Beim Cape Epic konnte ich ihm dann endlich auch etwas zurück geben - eine sehr schöne Erfahrung, die mir großen Spaß bereitet hat! Wir hatten eine sehr intensive Zeit dort und haben uns noch ein Stück besser kennen gelernt. Ich kann ganz klar sagen, dass ich sehr viel von Lennard halte, als Mensch und als Sportler. Sollte ich es irgendwann in meiner Karriere noch schaffen auch nur 95% Lennard Kämna zu sein, dann wäre das Projekt Straßenprofi für mich mehr als erfolgreich abgeschlossen. 

 

Von einem Mountainbiker erwarten viele, dass er auf der Straße ein starker Bergfahrer wird. Als welchen Fahrertyp würdest du dich beschreiben? 

Exakt - als Bergfahrer. An einem guten Tag kann ich mit den besten Bergfahrern lange mithalten und genau hier sehe ich auch meine Aufgabe im Team. Die Leader so lange es geht am Berg unterstützen und das Finale vorbereiten. 

 

Der Giro ist deine zweite Grand Tour innerhalb von nur zehn Monaten. Was hast du von der Vuelta mitgenommen? Wo liegen deine Aufgaben?

Sieht man die Cape Epic als Grand Tour der Mountainbiker, dann wäre es ja bereits meine dritte Grand Tour in kurzer Zeit. Vuelta, Cape Epic und Giro innerhalb von zehn Monaten ist auf jeden Fall eine große Belastung und wurde so vielleicht auch noch gar nie gemacht. Dank perfekter Trainingssteuerung und Planung aber ist es für mich möglich und ich befinde mich, Stand heute, in wirklich guter Form. Meine Aufgaben werden hauptsächlich in der dritten Woche in den Bergen liegen. Daher - das habe ich aus der Vuelta gelernt - vor allem die erste Woche ruhig angehen, Körner sparen und Stürze vermeiden. 

 

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