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Team Interviews | 04.03.2022

„Als Radprofi lebe ich meinen Traum“ - Kapitän Ide geht mit dem Flow

In unserem aktuellen Interview spricht Ide Schelling über seine vergangenen zwei Jahre bei BORA - hansgrohe und erklärt, weshalb der Flow für ihn so wichtig ist. Außerdem verrät er, wie ein Boot und seine Regeneration nach Rennen und Training zusammen hängen.

 

 

Es ist dein drittes Jahr bei BORA - hansgrohe - was gefällt dir besonders im Team?

Die Freiheiten im Team schätze ich sehr. Man hört mir zu - als Fahrer und als Mensch. Wir diskutieren auf einer sehr professionellen Ebene und finden am Ende Lösungen, die für alle passen. Mir gefällt auch die Stimmung im Team. Professionell im Bezug auf den Sport, familiär im Umgang miteinander. Die Arbeit ist extrem fokussiert und es wird an jeder noch so kleinen Schraube gedreht. Ernährung, Material, Regeneration - am Ende machen viele kleine Dinge einen großen Unterschied. 

 

Wie waren die letzten zwei Jahre bei BORA - hansgrohe für dich?
Da ich von einem kleinen Team gekommen bin hat sich natürlich schon viel geändert für mich. Plötzlich bin ich Rennen auf World-Tour Niveau gefahren und alles um mich herum war super professionell. Aber auch das ganze Umfeld auf den Rennen war neu für mich - die vielen Fans und die große mediale Aufmerksamkeit waren schon ungewohnt. Gleich geblieben ist meine Trainingsphilosophie und mein Zugang zum Sport. Ich war schon immer sehr fokussiert auf meine Ziele und meine Entwicklung. Radprofi zu sein bedeutet für mich ganz klar meinen Traum leben zu dürfen.

 

 

Wie würdest du deine persönliche Entwicklung während der letzten zwei Jahre beschreiben?

Ich habe Schritte gemacht, mit denen ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hätte. Speziell letztes Jahr war ein komplett neues Level auf dem ich unterwegs war. Woher dieser Schritt gekommen ist kann ich gar nicht wirklich beantworten, ich habe in der Vorbereitung und im Training nichts geändert. Einen Sieg zu holen und im Tour de France Aufgebot zu stehen war vielleicht Teil meiner wildesten Träume, gerechnet habe ich aber ganz sicher nicht damit.

 

Wie gehst du die Saison 2022 an? Du hast 2021 bereits einen Sieg und weitere starke Resultate geholt, was kommt als Nächstes für Ide?

Da ich meine Erwartungen schon immer gerne niedrig gehalten habe, werde ich auch dabei bleiben und kann mich dann umso mehr freuen wenn es gut läuft. Gut in die Saison zu starten und einen guten Flow zu finden ist für mich essentiell. In Topform bei den Ardennen-Klassikern am Start zu stehen ist ganz klar mein erstes, großes Ziel. Einen weiteren Sieg zu holen ist ein weiteres Ziel für diese Saison. Ganz allgemein möchte ich dem Aufwärtstrend der letzten beiden Jahre folgen. Ich erwarte mir keine übergroßen Schritte in diesem Jahr, aber eine kleine Steigerung zum letzten Jahre wäre sehr cool.

 

Hast du an deiner Vorbereitung etwas geändert in diesem Jahr?

Sehr langweilige Antwort… Nein! Ich bin meinem Plan der letzten Jahre treu geblieben.

 

Gibt es etwas, das du in den letzten zwei Jahren gelernt hast und dir jetzt hilft, deine Ziele zu erreichen? Physisch oder psychisch? 

Ich habe meinen Körper ein wenig besser kennen gelernt. Spüre besser wie er funktioniert und auf gewisse Reize reagiert. Auf der mentalen Ebene ist für mich das Wichtigste, den Radsport zu genießen und Spaß zu haben - dann kommt die Performance von ganz alleine.

 

Dein erstes Highlight 2022?

Die Ardennen-Klassiker im April! Im März fahre ich noch die Strade Bianche, einen Rennen, das ich zwar noch nie gefahren bin, auf das ich mich aber sehr freue.

 

Das Wichtigste für dich im Radsport? Woher nimmst du die Motivation? 

Ganz klar die abenteuerliche Reise Profiradsport, die ich hier erleben darf. Ständig neue Orte, neue Rennen und neue Menschen, die ich kennenlernen darf. Es ist eine Reise, die ich genießen und aufsaugen möchte. Natürlich heißt das nicht, dass ich nicht hart arbeite für meine Ziele - aber wenn dein Job, deine Leidenschaft und eine spannende Reise zusammen kommen, dann muss man sich bewusst sein, welch privilegiertes Leben man führen darf. Das habe ich immer im Hinterkopf, das motiviert mich!

 

Beschriebe die Bedeutung von Radsport in deiner Heimat, den Niederlanden

Jeder Niederländer besitzt ein Fahrrad und weiß wie man Rad fährt. Ich denke aber nicht, dass wir im Bezug auf Radrennen und Profiradsport die fanatischste Nation sind.

 

Dein Lieblingsmoment im Rennen? 

Der eine Moment bevor einem wichtigen Punkt im Rennen. Du weißt, du bist gut positioniert, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und du hast die Beine. Es fühlt sich einfach so gut an zu wissen, dass man es nicht nur irgendwie bis zur Ziellinie schafft, sondern das Rennen gestalten und mitbestimmen kann, man einen Einfluss darauf hat, wie es enden wird. 

 

Du hast in Girona eine Wohnung gekauft und renoviert. Wie kam es dazu? Bist du bereits fertig? 

Ich mag Griona einfach und komme seit vielen Jahren immer wieder für Trainingslager dort hin. Irgendwann habe ich im Internet nach Wohnungen gesucht und habe sofort eine gefunden, die mir zugesagt hat. Nach dem Besichtigungstermin war für mich alles klar, ich wollte die Wohnung haben! Ein paar Telefonate mit meiner Familie, Freunden und meiner Freundin später habe ich dann zugeschlagen. Girona ist ein super Ort für Radfahrer. Ruhige Straßen, perfekte Topographie, meist schönes Wetter und da viele andere Profis hier leben muss man nie alleine trainieren. Neben den Vorzügen aus sportlicher Sicht hat Girona auch eine wunderschöne Altstadt. Nach dem Training durch die engen Gassen und über das Kopfsteinpflaster rollen - wie könnte man das nicht lieben!

 

Was machst du, wenn du Zeit abseits des Sports benötigst? Wie bekommst du wieder einen klaren Kopf? 

Am liebsten verbringe ich Zeit mit meiner Freundin und Freunden. Ich würde sagen, dass ich echt ein super Umfeld abseits des Sports habe. Zuhause in den Niederlanden habe ich ein Boot - ich liebe es, mit Freunden rum zu schippern und einfach eine gute Zeit zu haben. Regeneration pur! 

Wo siehst du dich in zwei bis drei Jahren als Radprofi? Wo siehst du dich in zehn bis 15 Jahren als Mensch? 

In zwei bis drei Jahren habe ich hoffentlich ein paar mehr Siege auf dem Konto als jetzt. Aber am wichtigsten ist es für mich, dass ich den Radsport noch immer mit Leidenschaft betreibe und ihn nach wie vor als meinen Traumjob ansehe. In zehn bis fünfzehn Jahren als Mensch: Schwer zu sagen, einen so langfristigen Plan habe ich noch nicht. Ob ich dann noch Radrennen fahre oder vielleicht etwas ganz anderes im Kopf habe, wir werden sehen. Aktuell kann ich sagen, dass ich als Radprofi weiter wachsen möchte, das weiß ich sehr genau! 

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