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Team Interviews | 21.02.2022

Welche Verletzungen treten im Radsport am häufigsten auf und welche Auswirkungen haben sie auf den Sportler?

Zum ersten Mal wurde im Profi-Radsport auf dem Niveau der UCI WorldTour eine Studie zum Thema Verletzungen und deren Art, Häufigkeit bzw. Auswirkungen publiziert. Federführend waren dabei einige Ärzte von BORA – hansgrohe. Im Interview erklärt einer der Autoren, Dr. Christopher Edler, die Ergebnisse der Studie und deren praktische Auswirkungen.

 

Hallo Chriss, sag, wie kommt man auf die Idee so eine Studie zu initiieren? Was war der Gedanke dahinter? 

In unserer täglichen Arbeit geht es ja darum, für die Gesundheit der Fahrer zu sorgen, also ist es auch wichtig nachvollziehen zu können, welche gesundheitlichen Probleme auch wirklich auftreten. Wir können grob in zwei Kategorien unterteilen: Internistische Probleme (vor allem Infektionen) und orthopädisch-traumatologische Probleme, also meist Unfälle. In den meisten großen Sportarten sind diese Unfälle sehr gut untersucht und im Hinblick auf Verletzungs- und Erkrankungsstatistiken, also die Epidemiologie dieser Störungen, gut beschrieben. Im Radsport gab es das bisher nicht. Es ist aber sehr wichtig, um die Verletzungsmuster zu verstehen und sich z.B. vor den Rennen als Arzt entsprechend vorzubereiten. Die Qualität der Versorgung hängt natürlich wesentlich von der Vorbereitung ab. 

Es geht also darum herauszufinden, welche Unfälle es gibt, wie oft diese passieren und was dabei geschieht - brechen jedes Mal Knochen oder sind es eher Abschürfungen?

 

Man versucht also, zuerst die unterschiedlichen Unfallarten und Verletzungen zu charakterisieren, richtig?

Genau. Es geht darum, einen Standard einzuführen, damit die Daten systematisch dokumentiert und auch vergleichbar sind. Innerhalb des Radsports, aber auch mit anderen internationalen Sportarten. So gelingt es dann auch, den Radsport in einen Kontext mit anderen Sportarten zu setzen. 

 

Wie seid ihr da vorgegangen?

Zuerst muss man unterscheiden, ob eine Verletzung von einem Sturz herrührt oder nicht, denn z.B. Knieprobleme können ja auch eine andere funktionelle Ursache haben. Auch Muskelverletzungen können entstehen, ohne dass es zum Sturz kam. Es geht also darum, erstens die unterschiedlichen Unfallmechanismen zu identifizieren. Dann, zweitens, kategorisiert man die jeweils entstandene Verletzungen wie z.B. Fraktur, Hautabschürfungen, Prellung etc. Drittens kommt es auf die Lokalisation der Verletzung an. Also wo ist die Verletzung ist - am Kopf, Bein, Arm, Schulter, etc.  

Unfallmechanismus, Diagnose und Lokalisierung bilden also die Grundlage. Dann wird noch die Schwere der Verletzung beurteilt, und welche Belastung diese Verletzung für Fahrer und Team mit sich bringt, das heißt wie lange führt die Verletzung zu Ausfällen und wie häufig passiert einem Athleten eine solche Verletzung insgesamt. 

Dazu kann man sich die Ausfalltage des Fahrers ansehen. Bei einer Fraktur ist das relativ einfach, da kann man die Tage zählen, die er mit Gips im Bett liegt. Schwieriger ist das beispielsweise schon bei Blutergüssen, die sich darauf auswirken, dass der Fahrer ein paar Tage nicht ordentlich trainieren kann, oder vielleicht trainieren kann, aber noch nicht fit für einen Wettkampf ist. Diese Zeiträume zu klassifizieren ist nicht ganz so einfach, aber in unserer Studie haben wir dazu eine Einteilung vorgenommen, die diese Zeiträume ganz gut miterfasst. All das zusammen genommen gibt einem dann einen relativ guten Überblick darüber, was verletzungsmäßig in einem Team passiert. 

 

Haben dich die Ergebnisse überrascht?

Generell muss man sagen, dass man bei epidemiologischen Daten jetzt weniger neue Erkenntnisse hat als z.B. in der Grundlagenforschung. Überraschend war aber schon zu sehen, welche Verletzungen eigentlich wirklich wie oft vorkommen. Man denkt immer gleich an Frakturen, wenn es um Radsport geht und das sind auch die vorwiegend beschriebenen Verletzungsmuster. Doch tatsächlich passieren viel häufiger tiefe Abschürfungen, Platzwunden und Lazerationen oder tief liegende Blutergüsse, die schwieriger zu greifen sind, aber dennoch zusammengenommen entsprechend hohe Auswirkungen auf die gesamte Verletzungslast eines Fahrers haben, in Summe teilweise auch mehr als eine Fraktur. Ausfalltage bei Frakturen sind zwar meist und je nach Operation am höchsten, kommen aber im Vergleich weniger häufig vor als bisher angenommen. 

 

Wie häufig kommt es zu Verletzungen?

Im Vergleich zu anderen Sportarten liegt der Radsport da im Mittel. Also z.B. im Laufsport gibt es weniger, im MTB Sport hingegen leicht mehr Verletzungen. In Mannschaftssportarten liegt die Verletzungsrate im Vergleich generell höher. 

Nach unseren Ergebnissen gilt, dass im Durchschnitt jeder 18te Wettkampftag bei einem Fahrer ein Verletzungstag ist, oder alle ca. 65 Stunden im Wettkampf eine Verletzung passiert. Das bedeutet, dass man während der Tour de France pro Fahrer im Schnitt auf 1-2 Verletzungen kommt.

 

Was ziehst du für Schlussfolgerungen aus der Untersuchung?

Dass wir als Team zuallererst für eine gute Wundversorgung sorgen müssen bzw. die Behandlung von Prellungen und Blutergüssen, denn genau da kann man den Zeitraum, den ein Fahrer ausfällt, beeinflussen. Man unterschätzt, wie viele Ausfalltage da in Summe zusammenkommen und wie stark man auf eine Verkürzung Einfluss nehmen kann. Genau da liegt aus Teamsicht der Hebel. Darum sind physikalische Therapien wie z.B. Ultraschall, Lasertherapie oder Stoßwelle etc. sehr wichtige Instrumente. Bei Frakturen kann man nur sehr eingeschränkt Einfluss nehmen. Eine korrekte und schnelle Traumaversorgung sollte da aber Standard sein.

 

Wie würdest du den Impact der Studie im Radsport beurteilen?

Es wurden im Radsport zum ersten Mal prospektive Daten systematisch erhoben, von daher ist das etwas Neues, das in dieser Sportart so bisher noch nicht gemacht wurde. Auf der anderen Seite haben wir bisher die Daten von nur einer Saison veröffentlicht, das limitiert natürlich Schlussfolgerungen. Wir werden da aber in jedem Fall nachlegen und hoffen auch andere Teams zu motivieren Gleiches zu tun. Ich denke schon, dass wir dabei sind, hier eine Art von Standard in unserem Sport einzuführen und den Radsport damit voranbringen. Darum sind wir auch schon im Austausch mit der UCI. In anderen Sportarten bekommen Teams ja z.B. Zugriff auf anonymisierte Daten aller anderen Teams, um sich vergleichen zu können, so etwas schafft Anreize eine solche Statistik zu erheben.

 

Was wäre aus deiner Sicht der nächste Schritt?

Ich denke, dass wir für internistische Probleme, also typische Krankheiten, einen ähnlichen Standard brauchen. Denn auch dort werden wir wohl manche Auswirkungen unter- bzw. andere überschätzen. Insgesamt sollten sich aber auch mehr Teams an solchen Erhebungen beteiligen bzw. dem Weltverband UCI dabei geholfen werden solche Daten zu erheben.

 

Vielen Dank für das Gespräch Chriss!

 

 

Die Studie „Injuries in elite road cyclists during competition in one UCI WorldTour season: a prospective epidemiological study of incidence and injury burden” finden Sie hier online:

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00913847.2021.2009744

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