zurück zur Übersicht
Team Interviews | 30.01.2022

Ein Crash als Initialzündung seiner Karriere: Sergio Higuita - kleiner Kolumbianer auf der großen Bühne des Radsports

Sergio Higuita ist nicht nur ein aufstrebender, junger Radprofi. Der Rundfahrer und Kletterer ist auch der erste Fahrer aus Kolumbien in den Reihen von BORA - hansgrohe. Im Interview spricht Sergio über Frankfurter Würstchen, den Vorteil der Kolumbianer und seine Ziele in diesem Jahr. 

 

 

Was weißt du über Deutschland? Was denken die Menschen in Kolumbien über Deutschland?

In Kolumbien denken wir, dass Deutsche sehr gut organisiert sind… und sehr groß! Ich habe schnell festgestellt, dass beides auf jeden Fall stimmt! Specialized und Le Col müssen nur die Größe sehen, dann wissen sie, dass die Bikes und Bekleidung für mich bestimmt sind. So viele XS gibt es dann doch nicht im Team. 

 

Deutsches Essen oder ein deutsches Gericht? Gibt es etwas, das du besonders magst?

Ich liebe es, Gerichte aus aller Welt zu probieren. Aus Deutschland sind mir die Frankfurter Würstchen am bekanntesten. Ziemlich schwer auszusprechen für einen Kolumbianer, aber sehr einfach zu essen. Wer mal richtig gutes Essen aus Kolumbien sehen und probieren möchte, der sollte nach „Bandeja Paisa“ googeln. Einmal gegessen und man hat genug Kalorien für drei Monate. (lacht)

 

Was gefällt dir an BORA - hansgrohe? Warum hast du dich für dieses Team entschieden?

Ich hatte letztes Jahr auch andere gute Optionen, habe mich aber am Ende für BORA - hansgrohe entschieden. Das Team hat in den letzten Jahren deutlich gezeigt, dass sie an junge Talente glauben, ihnen Chancen geben und ihnen eine super Entwicklung ermöglichen. Einige Fahrer wurden bereits als U23 Fahrer unter Vertrag genommen und sind heute gestandene Profis. Dass sie jetzt richtig schnell sind ist mit Sicherheit kein Zufall sondern vielmehr das Ergebnis langjähriger, professioneller Arbeit. 

 

 

Wie bist du zum Radsport gekommen?

Ich habe bereits sehr jung mit dem Radsport begonnen. Im Alter von vier Jahren war ich bereits mit einem Laufrad unterwegs. Noch während meines ersten Tages auf dem neuen Rad hatte ich eine Kollision mit einem Taxi. Die Lichter des Autos sind durch den Crash kaputt gegangen. Nicht unbedingt der beste Start einer Radkarriere, aber definitiv ein Start den ich nicht vergessen werden. 

 

Was bedeutet Radsport für dich? Was motiviert dich? 

Radsport bedeutet Ruhm für mich! Ich denke das größte Ziel für einen Fahrer ist es, einer der besten Profis in der Geschichte des Sports zu werden. Ich habe riesen Respekt für viele Fahrer, ganz besonders für die großen Namen aus Kolumbien wie Lucho Herrara und Fabio Parra. Aber auch für Legenden anderer Länder. Eddy Merckx oder Miguel Indurain zum Beispiel - deren Leistungen motivieren mich extrem! Einer der ganz Großen zu werden und ein Vorbild für die nächste Generation zu sein ist sehr wichtig für mich. 

 

Du bist der erste Kolumbianer im Team. Was ist so besonders an Radprofis aus Kolumbien?

Wir haben den großen Vorteil der Höhe. Ich lebe auf 1600 Metern über dem Meer und bin während dem Training meist auf über 2000 Metern unterwegs. Eine gewisse Zeit im Jahr verbringe ich sogar auf 2600 Metern. Aufgrund dieser topographischen Gegebenheiten in Kolumbien benötigen wir im europäischen Hochgebirge wesentlich weniger Zeit zur Anpassung und können auch auf hohen Pässen noch die volle Leistung bringen. 

 

Beschreibe die Bedeutung von Radsport in Kolumbien oder Südamerika generell. 

Man braucht sich nur Videos von der Tour of Colombia anzusehen - es ist unglaublich, wie viele begeisterte Fans am Streckenrand unterwegs sind. In Europa gibt es derartige Massen an Zuschauern nur bei der Tour de France oder dem Giro d’Italia. 

Ein weiterer Grund weshalb Radfahrer in Kolumbien so berühmt sind: Kolumbianische Comedians lieben es, große Radprofis wie Rigoberto Uran oder Nairo Quintana in Fernsehshows nachzuahmen. In anderen Ländern werden oft Politiker oder Fußballer aufs Korn genommen, in Kolumbien sind es auch die Radprofis. 

 

Hast du ein Vorbild im Radsport? Wenn ja, warum?

Der beste Fahrer in der Geschichte des Radsports ist ohne Frage Eddy Merckx. Seine Palmarès sind unglaublich! Ein weiteres, noch aktives Vorbild ist Alejandro Valverde. Er kann alles gewinnen - von Eintagesrennen bis zu Grand Tours, von Februar bis Oktober. 

 

Dein Lieblingsmoment an einem Renntag?

Die Ziellinie! Der Moment wenn du wirklich alles gegeben hast und endlich die Ziellinie überquerst - unglaublich! 

 

Dein Rekord an Flaschen im Trikot während eines Rennens?

Eine Zahl als Antwort wäre absolut peinlich für mich. Mit meinem geringen Körpergewicht kann ich im Vergleich zu meinen Teamkollegen nur sehr wenige Flaschen im Trikot transportieren. 

 

Peinlichster oder lustigster Moment am Rad oder im Rennen? 

Das war definitiv bei der Tour of Langkawi 2017. Es war eine sehr lange Etappe und ich hatte mit ernsthaften Magenproblemen zu kämpfen. Ich muss im Hotel etwas Falsches erwischt haben. Ich hasse es, ein Rennen aufzugeben und so wollte ich diese Etappe unbedingt durchziehen - so kam mir die „Dumoulin-Taktik“ in den Kopf. Bei Dumoulin ging es um einen großen Sieg in einer großen Rundfahrt. Bei mir ging es einfach nur darum, das Ziel zu erreichen. Tom Dumoulin musste nur einmal neben die Straße in die Büsche hüpfen, bei mir waren es ganze drei Mal!

 

Etwas, ohne das du nicht leben könntest?

Internet und mein Mobiltelefon! Klar, ein bisschen weniger Zeit im Internet würde manchmal nicht schaden - als Kolumbianer, der viele Monate im Jahr fern der Heimat weilt, ist mein Mobiltelefon aber extrem wichtig. Auch weit weg von Zuhause möchte ich mit meiner Familie und meinen Freunden in Verbindung bleiben.

 

 

Womit verbringst du viel Zeit abseits des Radsports? Hobbies, Gaming, Netflix? 

Ich verbringe schon einige Zeit auf Netflix, aber vielmehr liebe ich die Musik. Vor einem Zeitfahren höre ich gerne Electro, in anderen Momenten auch Metallica, Pink Floyd, Michael Jackson, Queen oder Carlos Vives. Im Spanischen sagt man: Musik ist das Vergnügen der Seele! 

 

Eine Reise oder eine Unternehmung, die ganz oben auf deiner Liste steht?

Nach Deutschland möchte ich auf jeden Fall, also nur her mit guten Empfehlungen! Aber ganz ehrlich: Als Radprofi ist man das ganze Jahr so viel unterwegs, da bin ich am Ende der Saison auch mal ganz froh, wenn ich nicht verreisen muss. 

 

Welche Fähigkeit würdest du gerne sofort besitzen? 

Als Notarzt zu arbeiten. Es beeindruckt mich sehr, wie schnell und professionell Notärzte auf die unterschiedlichsten und unvorhersehbaren Situationen reagieren können. 

 

Versteckte Talente?

Lachen ist zwar kein verstecktes Talent, wird aber sehr oft viel zu wenig gemacht. Klar muss ich in meinen Beruf ernst nehmen, es ist aber auch extrem wichtig zu Danken und mit ein bisschen Spaß eine gute Stimmung im Team zu verbreiten. 

 

Wenn du nicht am Rad sitzt: Wie bekommst du den Kopf frei?

Ich versuche so viel Zeit wie nur möglich mit meiner Familie zu verbringen. Wenn ich schlecht drauf bin benötige ich nur ein wenig Zeit mit meiner Familie und schon habe ich wieder ein Lachen im Gesicht. 

 

Wo siehst du dich in zwei bis drei Jahren als Radprofi? Wo siehst du dich in zehn bis fünfzehn Jahren als Person? 

Ich möchte einer der besten Fahrer der Welt sein, ich möchte als Profi wachsen und den nächsten Schritt schaffen. In zehn bis fünfzehn Jahren möchte ich noch immer mit dem Radsport verbunden sein und vielleicht auch schon der nächsten Generation mit meiner Erfahrung helfen. 

 

Radsport in drei Worten

Liebe, liebe, liebe!

 

Ziele im Sport die du unbedingt erreichen möchtest?

Eine Grand Tour oder einen großen Klassiker gewinnen. 

 

Rituale oder Angewohnheiten vor einem Rennen?

Ich bin ein sehr religiöser Mensch und so bete ich vor und nach jedem Rennen. 

 

Journalisten fragen oft die gleichen Fragen. Welche bekommst du besonders oft gestellt? 

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich mit dem berühmten kolumbianischen Torhüter René Higuita verwandt bin. Wir kommen aus der gleichen Stadt, haben den gleichen Nachnamen und leben sogar im gleichen Viertel - sind aber definitiv nicht verwandt. 

 

Deine wichtigsten Ziele in dieser Saison?

Von einem bin ich fest überzeugt: Wenn ich Spaß habe am Rennen fahren, dann kommen die Ergebnisse von alleine! Meine Saison beginnt mit der Volta ao Algarve, bevor ich dann nach Italien zur Strade Bianche reise. Es folgen die Katalonien-, und die Baskenlandrundfahrt und zum Finale meines Frühjahrs dann die Ardennen-Klassiker. Ich fokussiere mich auf die einwöchigen Rundfahrten und möchte dort ein Podium erreichen. Später in der Saison wird die Vuelta mein Highlight im Kalender sein. Auf die Spanienrundfahrt freue ich mich wirklich sehr! Mit vollem Einsatz möchte ich dort meinem Team etwas zurück geben und für das Vertrauen in mich danken. Auch wenn die italienischen Klassiker im Herbst noch weit weg sind - die Rennen und die Atomsphäre dort gefallen mir sehr und ich kann es kaum erwarten, am Ende der Saison in Italien am Start zu stehen. 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Stürzen wie ein Profi - Mit den Tipps und Tricks unseres Teamarztes gut gerüstet für den nächsten, schmerzhaften Gruß vom Asphalt
Ben Zwiehoff: „Mein persönlichen Limits zu finden und auszureizen motiviert mich stets aufs Neue!“
Nackenschmerzen im Radsport
"Um auf diesem Niveau Rennen zu fahren muss man sowieso die ganze Saison in Topform sein" - Frederik Wandahl im Interview